16.07.2019, 11:16
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Schabbat in der Islamischen Republik

Der Iran ist heute das Zuhause für die größte jüdische Gemeinde in der muslimischen Welt. Jan Schneider hat die jüdische Familie Musazadeh in Teheran besucht und den Schabbat mit ihnen gefeiert.

Es ist Freitagabend. Eine jüdische Familie bereitet sich auf den Schabbat, den heiligsten Tag der Woche vor. Aus der Küche schwebt der Geruch von warmen Essen ins Wohnzimmer, und die Familie sammelt sich dort um den großen Tisch, um den Schabbat traditionell zu feiern.

Der jüngste Sohn bricht das ungesalzene Brot, und der Vater schenkt ein obligatorisches Glas Rotwein ein, um es einmal um den ganzen Tisch zu reichen, während der Sohn aus dem Tanach liest. Was sich nach einer ganz normalen Szene anhört, wie sie sich in tausenden Haushalten in Israel jedes Wochenende abspielt, findet in diesem Fall im Iran statt.

In Teheran, der iranischen Hauptstadt, sind die letzten Sonnenstrahlen an diesem kalten Wintertag im Januar hinter dem Elburs-Gebirge verschwunden. Es ist der letzte Tag der Woche, die in Iran samstags beginnt. Zwischen kleinen Kiosken und Supermärkten sticht hier kein Gebäude hervor, schon gar keins, das einem sakralen Zweck dient.

Dieses Zitat steht heute an jedem jüdischen Bethaus. Das haben die Iraner verinnerlicht, egal welcher Religion sie angehören. Im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum bedarf es in Iran bei jüdischen Einrichtungen keinem Wachschutz, der Iran hat noch keinen einzigen Anschlag auf ein jüdisches Gebäude erlebt.

Die jüdische Familie Musazadeh in Teheran

Von inneren und kleinen Freiheiten

Nach mehreren großen Auswanderungswellen hat sich die Anzahl der im Iran lebenden Juden inzwischen stabilisiert. Israelischen Statistiken zufolge migrierten von 2002 bis 2010 insgesamt 1.100 Juden nach Israel. Den Verbliebenen bietet sich eine überraschend positive Perspektive. Sie sind als Minderheit anerkannt, haben einen festen Sitz im Parlament und genießen "innere Freiheit", zumindest was ihre Religionsausübung angeht. Sie haben eigene Metzgereien, ihre Rabbis führen Hochzeiten durch, und die Gemeinde darf für den Schabbat ihre eigenen Getränke herstellen und konsumieren.

"Wir lieben den Iran. Unsere Nachbarn wissen, dass wir Juden sind, aber es gibt keine Probleme", meint Eliyan Musazadeh, die älteste Tochter der Familie Musazadeh. "Überhaupt hat die Gesellschaft kein Problem mit uns, dass wir Juden sind." Die 24-Jährige lebt mit ihrer Familie im Zentrum Teherans, sie sind die einzigen Juden im Haus.

Juden können im Iran keine führenden Positionen in staatlichen Institutionen wie Armee, Polizei oder Geheimdienst bekleiden, nehmen aber ansonsten genauso am gesellschaftlichen Leben teil wie andere Iraner auch.

Unter Rohani wurde ein Denkmal für die jüdischen Märtyrer des Iran-Irak-Krieges gebaut, und seit einigen Jahren haben Juden das Recht, am Schabbat, dem Samstag, nicht arbeiten gehen zu müssen. "Ich habe ein paar Mal nach Arbeit gesucht und als ich beim Vorstellungsgespräch die Frage bejaht habe, ob ich Jüdin sei, bekam ich eine Absage. Nicht weil sie nicht mochten, dass ich Jüdin bin, sondern weil sie wussten, dass sie mir wegen des Gesetzes am Samstag frei geben müssen, wenn ich das gewollt hätte."

Wenn Juden im Iran also einen Job nicht bekommen wegen ihrer Religion, hat das also damit zu tun, weil das Gesetz auf ihrer Seite ist und der Arbeitgeber ihnen auf Wunsch einen Tag in der Woche extra frei geben muss, meint Eliyan. "Iran ist ein sehr multiethnisches und buntes Land, und Iraner sind stolz auf ihre Vielfalt und Geschichte", sagt sie.

Quelle: Qantara.de

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