18.06.2019, 11:59
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Popp: Iran hat ein Recht auf Nuklearforschung

Teheran, 18. Juni, IRNA _ Der Iran will die Uran-Produktion hochfahren und auf 20 Prozent anreichern. Kernphysiker Manfred Popp findet das rechtens, auch wenn für Akws weniger ausreichen würde.

heute.de: Der Iran hat angekündigt, sich nicht mehr an das Atomabkommen zu halten. Überrascht Sie das?

Manfred Popp: Überhaupt nicht. Das war ja ein mühsam ausgehandelter Vertrag. Wenn die USA den einfach aufkündigen, muss man sich nicht wundern, wenn der Iran darauf reagiert. Als Mitglied des Kernwaffensperrvertrages hat der Iran das gute Recht, Kernenergie für zivile Zwecke zu nutzen. Vom internationalen Recht her ist das völlig in Ordnung.

heute.de: Der Iran will künftig 20 Prozent Uran anreichern. Wie bewerten Sie diese Zahl?

Popp: 20 Prozent sind für eine kommerzielle Nutzung nicht notwendig, da würden drei bis fünf Prozent reichen. Die Zahl 20 Prozent ist im Jahr 1980 entstanden - im Zusammenhang mit Forschungsreaktoren. Früher wurden Forschungsreaktoren mit über 90 Prozent angereichertem Uran betrieben. Das war dann unmittelbar waffenfähig. Ich habe von 1978 bis 1980 für die Bundesrepublik an einer internationalen Konferenz teilgenommen, bei der beschlossen wurde: Für Forschungsreaktoren sollen leistungsfähigere Brennstoffe entwickelt werden, die mit 20 Prozent angereichertem Uran zu einer ähnlichen Leistung kommen.

heute.de: Wenn für die zivile Nutzung drei bis fünf Prozent ausreichen: Warum pocht der Iran dann auf 20 Prozent?

Popp: Der Iran hat das Recht, Nuklearforschung zu betreiben. Und für moderne Forschungsreaktoren braucht man mindestens eine Anreicherung auf 20 Prozent. Bedenklich würde es erst dann, wenn der Iran mehr produzieren würde, als es seinem Bedarf für die Forschung entspricht. Das kann man aber im Rahmen von internationalen Kontrollen überwachen. Im Irak hat das gut funktioniert: Die Inspektoren hatten im Irak nichts gefunden, auch wenn die amerikanische Propaganda etwas anderes behauptet hat.

Manfred Popp ist Professor für Physik. Er arbeitete im Bundesforschungsministerium, war Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Umwelt und Reaktorsicherheit und von 1991 bis 2006 Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe, dem heutigen Karlsruher Institut für Technologie. Aktuell ist er als Berater tätig und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Geschichte des deutschen "Uranprojekts" im Zweiten Weltkrieg.

heute.de: Warum ist die Situation so verfahren?

Popp: Das Kernproblem ist, dass der Nichtverbreitungsvertrag von Atomwaffen an sich sehr problematisch ist. Er besagt nämlich: Die etablierten Kernwaffenstaaten USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und China dürfen ihre Kernwaffen behalten, aber alle anderen Länder müssen darauf verzichten. Im Gegenzug verpflichten sich die Kernwaffenstaaten dazu, nuklear abzurüsten. Genau das ist aber praktisch nie passiert. Momentan wird nuklear eher aufgerüstet.

heute.de: Der Iran ist aber auch kein Unschuldsengel.

Popp: Natürlich ist Vorsicht geboten. Aber die USA zeigen mit dem Zeigefinger auf andere, obwohl sie selbst ihren Verpflichtungen nicht gerecht werden. Wenn man nicht bei der Abrüstung dabei ist, ist man moralisch nicht in der Lage, das von anderen einzufordern.

heute.de: Was kann die Lage deeskalieren?

Popp: Eine Atombombe zu bauen ist gar nicht so schwierig.  Man muss dem Iran daher Anreize bieten, um darauf zu verzichten. Deswegen war das Ende der Sanktionen ja so gut: Dem Iran wurde versprochen, wieder Teil der internationalen Familie und des Welthandels zu werden. Die Bundesregierung hat völlig Recht, wenn sie sagt: Wir tun alles, um den Vertrag zu retten.

heute.de: Was entginge dem Iran, wenn er auf die Anreicherung von Uran verzichtete?

Popp: Wirtschaftlich gesehen ist es nicht notwendig, dass der Iran selbst Uran anreichert. Er könnte das auch auf dem Weltmarkt einkaufen. Man kann es dem Land aber auch nicht verbieten. Wenn ein Land entscheidet, das selber machen zu wollen, dann ist das sein gutes Recht.

heute.de: Was könnte Teheran zur Vernunft bringen?

Popp: Früher war es ja so, dass die Vernunft eher in Washington als in Teheran gesucht wurde. Im Iran herrscht ein religiös-fanatisches System. Jetzt zu erwarten, dass sich das iranische System besonders vernünftig benimmt, halte ich für naiv. Umso wichtiger ist es, nun alles zu tun, um das Iran-Abkommen zu retten. Wir brauchen nun ein diplomatisches Kunststück.

Quelle: https://bit.ly/2Xit0sx

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